Krisen und Kraft – mit WingTsun

Vermutlich besuchen die meisten einen Selbstverteidigungskurs, um sich im Alltag sicherer zu fühlen. Dass man sich durch dieses Training aber auch gegen emotionale Krisen wappnet, wissen die wenigsten.

Mein Weg zum WingTsun begann Anfang 2018 mit einem dreistündigen Selbstverteidigungskurs für Frauen. Ich wollte mich vor allem im Dunkeln sicherer fühlen und gerade in späteren Abendstunden nicht mehr auf Familie und Freunde angewiesen sein, die mich über das Telefon auf dem Heimweg begleiteten. Nach einem dreistündigen Kompaktkurs bot unser Lehrer Jörg an, dass wir auch gerne noch nachträglich in einen 10-Wochen Selbstverteidigungskurs einsteigen könnten, der kurz zuvor begonnen hatte. Da mir der Kurs Spaß gemacht und vor allem viel beigebracht hatte und ich mein erstes Wissen unbedingt vertiefen wollte, meldete ich mich an. Ein paar Wochen später begann ich, im regulären WingTsun-Training mitzumachen.

Veränderungen im Alltag

Im Alltag bemerkte ich schon recht früh gleich zwei Veränderungen: Zum einen ging ich aufmerksamer und selbstsicherer durch die Straßen. Zum anderen nahm das ab, was ich gerne als „Kopfchaos“ bezeichne. Das sind die Momente, in denen ich gedanklich nicht zur Ruhe komme, sondern berufliche und private Probleme immer wieder durchdenke, ohne zu einer Lösung zu kommen. Ich merkte schnell, dass ich durch das regelmäßige Training ausgeglichener wurde, unnütze Grübeleien beiseiteschieben konnte, in stressigen Situationen gelassener blieb und meine Grenzen besser wahrnehmen und aufzeigen konnte.

WingTsun Training

Zudem weckte das WingTsun einen Ehrgeiz in mir, den ich lange nicht mehr verspürt hatte. Das Erlernen völlig neuer Bewegungen und das Verstehen der dahinterliegenden Ideen faszinierte mich vom ersten Tag an. Die geduldigen Erklärungen von Jörg, meiner anderen Ausbilder und die Hilfe meiner Mitschülerinnen und -schüler sorgten dafür, dass ich schnell erste Erfolgserlebnisse hatte.

Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass mir das WingTsun auch in einer Zeit helfen sollte, in der ich es gar nicht ausüben konnte.

Unvorhersehbare Ereignisse

Ende Oktober 2019 – nur drei Tage nach der erfolgreichen Prüfung zum dritten Schülergrad – brach ich mir das Bein und musste lange Zeit pausieren. Ich weiß noch, wie ich am Unfallabend mit meinem eingegipsten Bein auf dem Bett lag und verzweifelt war, hätte ich um diese Uhrzeit doch eigentlich mit den anderen im Training stehen sollen. Stattdessen lag eine ungewisse und schier endlos lange Zeit ohne jegliches Training vor mir.

In den ersten Wochen war ich wie gelähmt, alles kam mir vor wie ein böser Traum. Nicht nur, dass so ein Bruch äußerst schmerzhaft ist, auch machte mir die Ungewissheit, wie der Heilungsprozess verlaufen würde, sehr zu schaffen. Grübeleien und der erzwungene Stillstand – im wahrsten Sinne, denn ich konnte meine Wohnung ohne Hilfe zunächst nicht verlassen – sorgten dafür, dass das bereits beschriebene „Kopfchaos“ immer stärker wurde.

Nach einem Unfall zurück zum WingTsun KungFu

Ich weiß nicht, wie ich schließlich auf die Idee kam, jedoch setzte ich mich eines Nachmittags auf einen Hocker, legte beinahe trotzig die Gehstützen auf den Boden, und begann, im Sitzen die erste Form, die SiuNimTau, zu üben. Nahezu sofort stellte sich der Effekt ein, den ich aus dem Training kannte: Alles, was nicht direkt meine Bewegungen betraf, verschwand im Hintergrund. Obwohl ich saß und mein gebrochenes Bein selbst im Sitzen entlasten musste – statt ausbalanciert und stabil zu stehen – war das Resultat vertraut: Das „Kopfchaos“ nahm ab.

Im WingTsun trainieren wir neben verschiedenen Bewegungstechniken auch „unsichtbare“ Fertigkeiten wie Balance oder Kampfgeist. Mit dem gebrochenen Bein erkannte ich, dass ich gerade letztere Fähigkeit brauchen würde, um wieder gesund zu werden. Die Treppenstufen zu meiner Wohnung? Training. Der Weg zur Physiotherapie? Training. Alles wurde zu Training. Ich hörte beinahe die Stimmen aus dem Training, die stets wiederholten: Niemals aufgeben. Weitermachen, immer weitermachen.

Um mich selbst zu motivieren und auch schlechtere Tage zu überstehen, begann ich, meine Fortschritte aufzuschreiben. Ende November verließ ich erstmals ohne Hilfe meine Wohnung. Mitte Dezember war ein kleiner Ausflug mit meiner Patenfamilie möglich. Ich konnte zur WingTsun-Weihnachtsfeier und schaffte es, den gesamten Abend auf dem Weihnachtsmarkt zu stehen. An Heiligabend ging ich die ersten Schritte ohne Krücken und Mitte Februar durfte ich dann endlich auch wieder ins Training zurück.

An dieser Stelle könnte die Geschichte jetzt enden – doch dann kam Corona.

WingTsun in Zeiten von Corona

Für viele war der schnelle Umstieg vom gewohnten Alltag auf Home-Office, Home-Schooling und co ein wahrer Schock. Und auch ich fühlte mich zunächst wie in einem bösen Traum – bis mir klar wurde, dass ich diese Situation in gewisser Weise vor nur wenigen Monaten schon einmal erlebt hatte. In anderer Form, ja, aber auch mit dem Beinbruch war der Alltag von einem Tag auf den anderen komplett weggefallen. Und jetzt hatte ich zumindest den Vorteil, dass mein Bein verheilt war.

Also nahm ich erneut mein Notizbuch zur Hand, plante Trainingseinheiten und hielt weiterhin die Fortschritte meines Beins aber auch Inhalte aus Lehrvideos, die von meiner WingTsun Schule bzw. dem Dachverband zur Verfügung gestellt wurden, fest. Immer im Kopf der Satz, niemals aufzugeben. Weitermachen, immer weitermachen. Und ich stellte fest, dass ich mit der neuartigen Situation besser zurechtkam als mein Umfeld.

Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt und welche Herausforderungen sie an uns stellen wird. Ich kann nur allen empfehlen, dass das Erlernen von WingTsun nicht nur ein Hobby ist, das einem zeigt, wie man sich im Dunkeln sicherer fühlt. WingTsun zeigt einem viel mehr. Es lohnt sich!

Gastartikel von Sarah S. Vielen Dank dafür!

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